Martin Stuchtey ist Gründer der Landbanking Group, die ein marktgerechtes Anreizsystem schaffen will, um die zerstörerische Bodennutzung weltweit zu transformieren und der Natur den Wert beizumessen, den sie verdient. WERTE hat ihn auf seinem Bauernhof in Tirol besucht

 

 

Herr Stuchtey, Sie haben jahrzehntelang Unternehmen mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit beraten. Nun wollen Sie mit einem eigenen Start-up die ganze Welt retten …

Mir geht seit Jahren im Kopf herum, dass wir als Menschheit drei große Wenden schaffen müssen – Energiewende, Ressourcenwende und eine Landnutzungswende. Die Energiewende ist schwierig, aber da wirken inzwischen gravitative Kräfte, die die Entwicklung regulatorisch, finanzmarktlich und technologisch in die richtige Richtung ziehen. Die Ressourcenwende braucht vor allem eine Kreislaufwirtschaft, auch da geht es langsam voran. Bei der Landnutzungswende sind wir noch nirgendwo. Aber die ist immens wichtig. Land ist die kritische Ressource des 21. Jahrhunderts.

Bitte erklären Sie uns die Zusammenhänge.

Die Bodennutzung entscheidet über unsere Zukunft. Auf dem Boden konkurrieren insbesondere Natur und Agrarwirtschaft. Die Natur bindet mit ihrer Pflanzenwelt Kohlenstoff und produziert Sauerstoff, speichert Wasser, gleichzeitig bietet sie Lebensräume für Abermillionen Tierarten, im Boden sorgen Organismen und Spurenelemente für Fruchtbarkeit – all das ist existenziell, all das wird unaufhörlich zerstört. Innerhalb der Agrarwirtschaft gibt es wiederum große Unterschiede zwischen naturnaher und naturferner Nutzung. Wenn wir es nicht schaffen, bis 2030 eine CO2-Speicherung von zehn Gigatonnen pro Jahr über die Natur zu organisieren und zeitgleich den Artenschwund zu stoppen, sind wir raus. Es braucht eine gigantische Kraftanstrengung für Renaturierung und Artenschutz. Wir haben heute aber noch überhaupt keine Antwort, wie das in dem großen Maßstab gehen soll.

Es gibt Ambitionen, in einer noch nie dagewesenen Naturschutz-Koalition, 30 Prozent der Erdoberfläche bis 2030 unter Schutz zu stellen. Das reicht nicht?

Manche Wissenschaftler sagen, dass wir bis 2050 sogar 40 bis 50 Prozent der Erde unter Schutz gestellt haben müssen, um weiterleben zu können. Damit ist doch jetzt schon klar, in welche Nutzungskonflikte man hineinläuft. Die Politik wird zerrieben. Ich denke, es braucht einen großen überpolitischen Anreiz für den Markt.

 

Einen Anreiz etwa wie im Falle des CO2-Zertifikatehandels? Unternehmen, deren Emissionen sich bis dato nicht vermeiden lassen, können seit Jahren freiwillig ihre Treibhausgase kompensieren, indem sie in die Natur investieren …

Ja, aber diese Voluntary Carbon Markets entwickeln sich zu langsam, fokussieren sich auf Kompensationsleistungen und nicht auf den CO2-Netto-Entzug aus der Atmosphäre, und sie vernachlässigen zumeist den Artenschutz. Wir müssen der Natur für all ihre Dienstleistungen, die sie uns gratis zur Verfügung stellt, einen Wert beimessen. Dafür benötigen wir ein neues, viel breiteres marktbasiertes Anreizsystem, für das jedoch noch keine technische und marktgängige Lösung gefunden wurde.

 

Und da kommen Sie ins Spiel?

Wir und die phänomenalen Möglichkeiten der Digitalisierung. Was bisher fehlte, war die Zusammenführung unterschiedlicher Daten auf Biom-Ebene. Biome beschreiben die großen planetaren Lebensgemeinschaften aus Pflanzen, Tieren, Organismen. Durch eine Vielzahl von Satellitendaten über die Landnutzung, von Daten aus der Metagenomik, die genetisches Material direkt aus Umweltproben extrahiert, von Daten aus Analysetools, mit denen beispielsweise über Vogelstimmen die Tierdichte ausgelesen werden kann, können wir bald über eine klare Kennziffer jedem Quadratmeter unserer Erde einen Wert geben.

 

Einen einheitlichen Wert?

Ja. Wir bauen ein lernfähiges, datengetriebenes Sensing-System auf und reichen die Daten bis zum Markt in Form von Assets und auch Krypto-Assets durch – das ist die Überlegung. Das ist ein superdickes Brett, macht aber sehr viel Spaß.

 

Sie nutzen die Errungenschaften der Digitalisierung, der Natur den Preis zu geben, den sie verdient?

Genau, und das machen inzwischen auch andere phantastische Initiativen. Bislang gibt es da ja eine Waffenungleichheit in Bezug auf die Quantifizierbarkeit von Primärgütern, die auf dem Land produziert werden wie Holz oder Weizen, und den Ökosystemleistungen wie saubere Luft, sauberes Wasser, intakter Boden, die alle nicht beziffert sind. In unserer Ökonomie gewinnt aber immer nur das, was quantifiziert ist. In der Sekunde, in der ich weiß, dass eine Wiese einen hohen Biodiversitätsindex hat, fangen wir an, anders damit umzugehen.

 

 

Bitte brechen Sie das herunter auf ein Beispiel.

Nehmen wir einen befreundeten Bauern, der einen Hof im Landkreis Starnberg bei München betreibt. Er ist Milchbauer und verdient 27 Cent am Liter. Er ist aber auch ein Naturphilosoph, der prämiert worden ist für die schönste Blumenwiese in ganz Bayern. Er weiß genau, dass man die Anzahl von Insekten auf seinem Grund und Boden mit einem quergelegten Baum steigern kann. Er weiß genau, warum man dafür bestimmte Blumen und keine anderen aussäen sollte. Hinzu kommt die Speicherung von soundso viel Tonnen Kohlendioxid. Das gelingt ihm auf seinen Feldern, weil er Humus aufbaut, während konventionell arbeitende Bauern ringsrum Humus abbauen. Das gelingt ihm auch mit einer Reihe von Sümpfen und Mooren, die er nicht mehr bewirtschaftet, sondern liegen lässt. Er hat daraufhin seinen Viehbestand reduziert, ist Biomilchbauer geworden. Eine Kuh gibt nun 7.500 Liter pro Jahr und nicht mehr 12.000 Liter Milch. Zwar kann er dafür zehn Cent mehr nehmen, was aber nur die Hälfte der finanziellen Lücke ausmacht. Darauf bleibt er sitzen. Das nimmt er aber in Kauf, weil er und seine Frau an den Hof glauben, an den Boden, die Blumen, die Vögel, das Wasser. Er betreibt also Klimaschutz, kappt Hochwasserspitzen, verschönert das Dorf oder produziert unbelastete Lebensmittel …

Wie kann sich diese Transformation nun auch finanziell lohnen?

Würde ein Bauer eines Tages mit unserer Methode arbeiten und unter anderem nachweisen können, dass bei ihm 27 Vogelarten singen und nicht nur sieben wie beim Nachbarn, könnte es dafür Biodiversitätszertifikate geben. Er könnte Ökopunkte erhalten im Sinne des Flächenausgleichs. Man könnte ihn zu einem Klimabauern machen, der die Potenziale seiner CO2-Speicherung verkauft. Man könnte ihn als höherwertiges Produkt in den Markt bringen, weil er sogenanntes Insetting betreibt, was dem in der Wirtschaft geläufigen Offsetting gegenübersteht. Das heißt: Die Klimaneutralisierung findet bereits innerhalb der eigenen Wertschöpfungskette statt.

 

Sie wollen vor allem die überzeugen, die konventionelle Landwirtschaft betreiben?

Die wollen wir dahin bringen. Ich treffe einfach eine rationale Entscheidung, dass es besser für mich ist, das gesamte Bündel an Ökosystemdienstleistungen und Produkten zu verkaufen, als nur einen Festmeter Holz, einen Liter Milch oder eine Tonne Raps. Es muss sich die Erkenntnis durchsetzen: „Simple Biomasse ist nichts wert, nachhaltige Biomasse ist Gold.“ In einer nachhaltigen Welt, in der Dekarbonisierung, Klimataxonomie, ESG-Kriterien und Nature Positivity eine immer größere Rolle spielen, sind Produkte nur etwas wert, wenn sie an günstige Produktionsnachweise gebunden sind.

„Wir können jedem Quadratmeter unserer Erde einen Wert geben“

MARTIN STUCHTEY

Wie schaffen Sie die notwendige Transparenz?

Mit unseren Daten. Von jedem Quadratmeter Erde haben wir einen digitalen Zwilling und können genau sehen, wie viel er – gemessen an seinen ökologischen Eckdaten – wert ist. Dann kann der Markt entscheiden, ob er dafür bereit ist zu zahlen. Die Möglichkeiten der Datenerhebung werden immer besser und billiger. Man kann jedem Streifen Land auf der Erde ein Biodiversitätsattribut zuweisen und damit die Finanzmärkte füttern. Dieses Modell halte ich für den Schlüsselfaktor, um den Traum wahr werden zu lassen, Natur als das zu behandeln, was sie ist: das „Ultimate Asset“.

 

Welche Vegetationszonen erscheinen Ihnen aus ökologischer Sicht besonders wertvoll?

Wir könnten mit der LandbankingMethode helfen, praktisch alle Moore der Welt rückzuvernässen, wir könnten massiv in Mangrovenwälder investieren, könnten deutlich schneller eine weltweit florierende Algen-Industrie und in den afrikanischen Savannen eine Weidewirtschaft aufbauen, die bodenfreundlich ist. Wir könnten unsere Wälder als Kohlenstoffsenke bewirtschaften. Aber letztlich müssen wir überall die Tonnenbeträge an CO2 einsammeln.

 

Die Transformation der Bewirtschaftung ist das eine. Aber es muss ja auch darum gehen, Flächen an die Natur zurückzugeben – wie im Fall der wiedervernässten Moore, auf denen man nichts anbauen kann und darf. Wie soll sich das lohnen?

Es ist für einen Bauern schon heute attraktiv, allein mit der Außernutzenstellung eines Ackers, der ans Moor zurückgegeben wird, die entstehende CO2-Bindung zu vermarkten. Ich habe auf meinem Gelände selber ein bewirtschaftetes Moor. Bevor mir darauf ständig der Trecker verreckt und mein Vieh dieses strohige Zeug nicht frisst, was dort wächst, gebe ich es doch lieber der Natur zurück und lasse regelmäßig die Orchideen und Schmetterlingsarten zählen. Das lohnt sich.

 

 

Martin Stuchtey
Martin Stuchtey wurde 1968 in Würzburg geboren. 20 Jahre arbeitete er bei der Unternehmensberatung McKinsey, zuletzt als Direktor des Center for Business and Environment. Seit 2016 ist er Professor für Ressourcenstrategien und -management an der Universität Innsbruck, schrieb im gleichen Jahr das Buch „A Good Disruption: Redefining Growth in the Twenty-First Century“. Stuchtey ist Mitglied der Alfred Herrhausen Gesellschaft sowie der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Gemeinsam mit seiner Frau Dr. Sonja Stuchtey gründete er in diesem Jahr die Landbanking Group, um weltweit die Landnutzungsmuster im Sinne der Natur zu verändern. Die beiden haben sechs Kinder und führen seit 2011 den Kollreider Hof in Anras, Osttirol. Dort vermitteln sie ihren Gästen hautnah ökologische und kreislauforientierte Landwirtschaft



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